Wenn der Tag leise wird

© MICHÈLE BACHMANN COACHING

Es gibt Stunden, in denen die Welt ein wenig weiter wegrückt.
Nicht aus Flucht, sondern aus Zärtlichkeit.
Als würde sie sagen: Geh nur. Ich warte hier.

In solchen Momenten beginnt etwas in uns zu sinken.
Nicht nach unten, sondern nach innen.
Dorthin, wo die Stimmen leiser werden, und die Wahrheiten klarer.

Vielleicht ist es das Licht, das sich am Nachmittag wie ein Vers auf die Haut legt.
Vielleicht ist es die Art, wie der Atem plötzlich tiefer fällt, als hätte er beschlossen, wieder bei uns anzukommen.
Oder vielleicht ist es einfach dieses stille Wissen, dass wir nicht immer laut sein müssen, um ganz da zu sein.

Es gibt eine Schönheit im Unaufgeregten.
Im Nicht-Erklären-Müssen.
Im Sitzenbleiben, obwohl die Welt rennt.
Im Lauschen, obwohl niemand spricht.

Und manchmal, wenn wir uns trauen, in dieser Stille zu verweilen, öffnet sich etwas, das wir im Lärm nie finden würden:
Ein Raum, der uns erinnert, dass wir genug sind.
Auch ohne Bewegung.
Auch ohne Ziel.
Auch ohne Geschichte.

Ein Raum, in dem wir uns selbst wieder hören.

Und während wir dort sitzen, in dieser unscheinbaren Weite, merken wir vielleicht, wie viel wir im Alltag festhalten:
Gedanken, die längst gehen dürften.
Erwartungen, die nie uns gehörten.
Rollen, die wir tragen wie zu schwere Mäntel.

Die Stille nimmt uns nichts weg.
Sie zeigt uns nur, was wir nicht mehr brauchen.

Manchmal legt sie eine Hand auf unsere Schulter und flüstert:
Es darf leichter werden.
Du darfst leichter werden.
Nicht perfekt.
Nicht stark.
Nur wahr.

Und in diesem Wahr sein entsteht eine neue Art von Schönheit.
Eine, die nicht glänzt, sondern glüht.
Eine, die nicht auffällt, sondern ankommt.
Eine, die nicht gesehen werden will, sondern gespürt.

Vielleicht ist das die heimliche Kunst des Lebens:
Zu lernen, dass die leisen Stunden uns nicht vom Weg abbringen, sondern uns zurückbringen zu dem, was wir unterwegs verloren haben.

Uns selbst.

Und je länger wir in dieser Stille bleiben, desto mehr beginnt sie, uns zu formen.
Nicht mit Druck, sondern mit einer Sanftheit, die fast unmerklich ist.
Wie Wasser, dass Stein glättet.
Nicht durch Kraft, sondern durch Geduld.

Wir beginnen zu spüren, wie sich etwas in uns sortiert.
Wie Gedanken, die eben noch wirr waren, plötzlich Linien finden.
Wie Gefühle, die wir lange nicht berührt haben, sich vorsichtig zeigen.
Wie Wünsche, die wir überhört haben, wieder eine Stimme bekommen.

Die Stille ist kein Rückzug.
Sie ist ein Heimkommen.

Und vielleicht, wenn wir uns erlauben, ein wenig länger zu bleiben, merken wir, dass wir gar nicht so viel brauchen, um ganz zu sein.

Nur diesen Moment.
Diesen einen Atemzug.
Diesen leisen Tag, der uns erinnert, dass das Wesentliche immer dort beginnt, wo der Lärm endet.

Und irgendwann, wenn die Stille uns genug gehalten hat, beginnt etwas in uns, wieder nach draussen zu schauen.

Nicht aus Ungeduld, sondern aus einem neuen, stillen Mut.
Als hätte die Ruhe uns etwas zugeflüstert, was wir erst jetzt verstehen.

Wir heben den Blick, und die Welt ist dieselbe.
Doch wir sind es nicht mehr ganz.

Die Farben wirken weicher, die Geräusche weniger scharf, die Menschen ein wenig näher.
Als hätte die Stille einen feinen Schleier gelöst, der uns lange begleitet hat, ohne dass wir ihn bemerkten.

Wir treten zurück in den Tag, aber nicht mehr mit dem alten Tempo.
Etwas in uns geht langsamer.
Bewusster.
Freundlicher.

Vielleicht lächeln wir über etwas, dass wir sonst übersehen hätten:
Den Schatten eines Baumes, der sich über den Boden legt, als wolle er jemanden umarmen.
Das leise Klirren einer Tasse, dass plötzlich wie Musik klingt.
Oder die Art, wie ein Mensch an uns vorbeigeht, und wir spüren für einen Moment, dass wir alle auf derselben Suche sind.

Die Stille bleibt in uns, auch wenn der Tag wieder lauter wird.
Sie wird zu einem inneren Raum, den wir mitnehmen können, wie eine kleine, warme Laterne, die nicht auffällt, aber leuchtet.

Und vielleicht ist genau dies das Schönste daran:
Das wir lernen, dass die Welt uns nicht verliert, wenn wir leise werden.
Im Gegenteil.
Sie findet uns wieder genau dort, wo wir uns selbst gefunden haben.